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deshalb





Dass es kein anderes Wort Gottes gibt als das,
was allen Christen zu verkündigen aufgetragen ist,

dass es keine andere Taufe gibt als die,
die jedweder Christ vollziehen kann,

dass es kein anderes Gedächtnis
des Herrenmahls gibt als das,
bei dem jedweder Christ tun kann,
was Christus zu tun befohlen hat,

dass es keine andere Sünde gibt als die,
die jedweder Christ binden, bzw. lösen muss,

dass es kein anderes Opfer gibt
als den Leib eines jedweden Christen,

dass niemand beten kann, außer allein ein Christ,

dass niemand über die Lehre urteilen darf
außer ein Christ selbst.

Alle Christen sein wahrhaftig geistlichs Stands,
und ist unter ihnen kein Unterschied,
denn des Amts halben allein. ...

Was aus der Tauf krochen ist,
das mag sich rühmen, das es schon
Priester, Bischof und Papst geweihet sei.


Martin Luther











Worauf es ankommt

Nur für "Priester" ?



Ein Vorwort aus der Kirche von unten

Herbert Haag



Die Krise des - römisch-katholischen - Priesterstandes ist offenkundig.

Was immer auch die Amtskirche bisher unternommen hat, um ihr zu begegnen, ist wirkungslos geblieben.
Priestermangel, Gemeinden ohne Eucharistie, Zölibat, Frauenordination bezeichnen die Probleme,
die zwar nicht allein, aber doch weitgehend die gegenwärtige Not der katholischen Kirche bestimmen.

Immer häufiger werden Laien zu Gemeindeleitern eingesetzt, die aber - weil sie nicht "geweiht" sind -
mit ihrer Gemeinde nicht Eucharistie feiern können, wozu sie doch eigentlich verpflichtet wären.

Dies war in der frühen Kirche kein Problem.
Da lag die Eucharistiefeier allein in der Hand der Gemeinde.
Die ihr im Einvernehmen mit der Gemeinde vorstanden, waren keine "Geweihten".
Es waren ganz normale Gemeindemitglieder. Wir würden sie heute Laien nennen, Männer, aber auch Frauen,
in der Regel verheiratete, aber auch unverheiratete.
Entscheidend war der Auftrag der Gemeinde.
Warum sollte, was damals möglich war, nicht auch heute möglich sein?

Wenn Jesus, wie behauptet wird, das Priestertum des Neuen Bundes eingesetzt hat:
Warum ist davon die ersten vierhundert Jahre in der Kirche nichts wahrzunehmen?

Überdies: Alle sieben Sakramente, die die katholische Kirche kennt, sollen von Jesus gestiftet sein.
Bei mehr als einem Sakrament ist dieser Nachweis schwierig.
Völlig unmöglich ist er beim Sakrament der Priesterweihe.
Vielmehr hat Jesus durch Wort und Tat gezeigt, dass er keine Priester wollte.
Weder war er selber Priester, noch war es einer von den 'Zwölf' und auch nicht Paulus.
Ebenso wenig lässt sich das Amt der Bischöfe auf Jesus zurückführen.

Die Annahme, die Apostel hätten, um für die Fortdauer ihres Amtes Vorsorge zu treffen,
Bischöfe zu ihren Nachfolgern eingesetzt, ist unhaltbar.
Das Bischofsamt ist, wie alle anderen kirchlichen Ämter, eine Schöpfung der Kirche, es hat sich historisch entwickelt.
Und damit stehen diese beiden Ämter, Bischof und Priester, jederzeit zur freien Disposition der Kirche.
Sie können beibehalten, verändert oder abgeschafft werden.

Die Krise der Kirche wird so lange andauern, wie sich diese nicht entschließt, sich eine neue Verfassung zu geben,
eine Verfassung, in der es für zwei Stände - Priester und Laien, Geweihte und Nichtgeweihte - keinen Platz mehr gibt,
sondern ein kirchlicher Auftrag ausreicht, um eine Gemeinde zu leiten und mit ihr Eucharistie zu halten.
Und ein solcher Auftrag kann Männern und Frauen, Verheirateten und Unverheirateten zuteil werden.
Damit wäre zugleich in einem Zug das Problem der Frauenordination wie die Zölibatsfrage gelöst.

Die Forderung, es dürfe in der Kirche nicht zwei Klassen geben, wird vor allem entgegengehalten,
es habe immer wieder organisatorische Entwicklungen gegeben,
die sich nur indirekt vom Neuen Testament her begründen ließen.
Als Beispiel wird etwa die Kindertaufe genannt, die sich nicht ausdrücklich auf das Neue Testament berufen kann,
ihm aber auch nicht widerspricht.

Indes ist der Verweis auf Entwicklungen nur so lange haltbar, wie diese mit den Grundaussagen des Evangeliums
in Einklang stehen. Widersprechen sie diesem in entscheidenden Punkten, sind sie illegitim, unerträglich und schädlich.
Dies gilt mit Sicherheit von der Priesterkirche.
Ein Befragung der biblischen und frühchristlichen Zeugen zeigt eindeutig und überzeugend,
dass Hierarchie und Priestertum sich in der Kirche an der Schrift vorbei entwickelten
und nachträglich als ihr zugehörig dogmatisch gerechtfertigt wurden.

Alle Zeichen deuten darauf hin, dass für die Kirche die Stunde geschlagen hat,
sich auf ihr eigentliches Wesen zurückzubesinnen. (S. 7-8)




Herbert Haag
«Worauf es ankommt - Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?»
Verlag Herder, Freiburg, 1997, ISBN 3-451-26049-2
Siehe auch «Den Christen die Freiheit. Erfahrungen und widerspenstige Hoffnungen» (1995), Verlag Herder

Herbert Haag, em. Professor an der Universität Tübingen, Bibelwissenschaftler und engagierter Befürworter
begründeter Reformen der Kirche an Haupt und Gliedern.






Abschied von der Priester-Kirche


Beamtete Gottes-Vermittler hat Jesus nicht gewollt

Eugen Drewermann und Jacques Gaillot


Noch nie ist die Polarisierung unter den deutschen katholischen Bischöfen öffentlich so deutlich geworden
wie nach dem Katholikentag Mitte Juni 2008 in Ulm.
Wild schlug die Garde der reaktionären und konservativen Kleriker um den Kölner Kardinal Joachim Meisner um sich.
Besonderer Stein des Anstoßes: dass der Katholikentag den Kirchen- und Dogmenkritikern Hans Küng,
Eugen Drewermann und Jacques Gaillot ein Forum geboten hat.
Während die Veranstalter auf Integration und streitbaren Dialog setzten,
verweigern die Konservativen jede Auseinandersetzung in der Sache.
Am Ende wissen sie gar nicht, worum es eigentlich ging.

Publik-Forum gibt im Folgenden den Wortlaut des Gesprächs
auf dem Podium »Abschied von der Kleriker-Kirche?« wieder.
Einige Passagen wurden gekürzt. Insgesamt ist der Duktus des gesprochenen Wortes beibehalten worden.
Das Gespräch moderierte Peter Rosien, theologischer Chefredakteur der Zeitschrift "Publik-Forum".

Die Christen heute denken selber.
Und das ist sicher viel wichtiger
als das Zusammenbrechen der kirchlichen Strukturen.


Die Diskussion im Wortlaut:




PETER ROSIEN: Meine erste Frage geht an Sie, Herr Drewermann:
Der Glaube im Sinne der kirchlichen Lehre verdunstet heute, Umfragen belegen das immer neu.
Die geistliche Orientierungslosigkeit der Menschen in Mitteleuropa schreit zum Himmel,
die professionellen Verkünder und Vermittler des Glaubens, die Priester und Pastoren beider Konfessionen,
scheinen auf der ganzen Linie zu versagen. Was läuft da schief?


EUGEN DREWERMANN: 'Ich möchte die Antwort geben in einem etwas größeren Zusammenhang und weiß nicht,
wie ich Sie anreden soll: »Sehr verehrte Damen und Herren« ist korrekt, »meine lieben Schwestern und Brüder«
möchte ich sagen, darf ich aber eigentlich nicht sagen.
Seit 13 Jahren darf ich keine Messe lesen, keine Beichte hören, auch die Kommunion nicht mehr empfangen,
es sei denn, ich würde mich als öffentlicher Sünder bekennen und meine Werke und Gedanken bereuen.
Dem wird nie so sein, wie ich hoffe. Dennoch sind Sie meine Brüder und Schwestern.

Was machen Sie heute, fragen manche Journalisten. Und ich kann nur sagen:
Was ich all die Jahre versucht habe, den Priester als Funktionär der Kirche und Beamten einer Institution
hinter mir zu lassen, um ein Mensch zu werden. Denn das genau müssen wir alle.
Wir müssen die katholische Kirche überwinden, um Christen zu werden,
und zwar möglichst sogar das Christentum hinter uns lassen, um Gott zu begegnen.
Der Jude aus Nazareth dachte so.
Im 10. Kapitel des Lukas-Evangeliums finden Sie ein Gleichnis, das man gar nicht anders lesen kann
denn als antiklerikal.
Die Einleitung kennen Sie alle. Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho, fiel unter die Räuber,
die plündern ihn aus und lassen ihn halbtot am Wegrand liegen.
Da kommt vorbei ein Priester. Jeder vor zweitausend Jahren
wird die Ohren gespitzt haben: Ein Priester ist die Musterausgabe der Frömmigkeit,
das Vorbild der so genannten Laien. Wie er sich verhält, muss man sich verhalten. Also, was wird er tun?
Er sieht, erklärt Jesus, den schwer Verletzten und geht vorüber.
Wir müssen hinzufügen, er kann überhaupt nicht anders. Schlagen Sie nach im Buche Leviticus, 21. Kapitel:
Ein Priester hat sein Leben lang kein Recht, den Leichnam eines Menschen zu berühren.
Er darf sich nicht die Reinheit besudeln mit dem Menschenblut am Wegesrand,
damit er pünktlich und koscher seine Opfer
im Tempel von Jerusalem darbringen kann.
Was ist das für ein Gott, fragt Jesus im Grunde. Ihr möchtet wissen, wo ihr Gott begegnet, und sie erzählen euch,
ihr müsst hören auf die Priester. Sie sind die Gottes-Experten, sie haben es gelernt, kennen die 600 Gebote
des Moses und die 2000 Kommentar-Gesetze aus der mündlichen Tradition. Sie wissen,
wann man die richtige Formel am richtigen Ort beim richtigen Opfer spricht und vollführt.
Und unabhängig von den Priestern findet ihr nicht Gott.

Aber findet ihr ihn wirklich im Tempel? So fragt Jesus. Da ist ein Gott, verdeutlicht er, der ständig Opfer benötigt,
Tierblut muss fließen, unschuldige Lebewesen müssen geschlachtet werden, immer braucht man Opfer,
um einen Gott zu versöhnen, der in alle Ewigkeit ambivalent bleibt.
Er vergibt, aber nur unter Vorleistungsbedingungen.
Er verzeiht, aber nur, wenn ihr euch entsprechend korrekt nach den Vorgaben des Priesterwissens verhaltet.
So werdet ihr nie frei, sondern jeden Tag neu abhängig. So verliert ihr niemals eure Angst,
sondern bleibt ständig gebunden.

Wolltet ihr die Angst überwinden durch Vertrauen, brauchtet ihr keine Priester mehr.
Das aber wollte Jesus, genau das. Dass wir redeten mit Gott wie ein Kind mit seiner Mutter, wie mit seinem Vater.
Es müsste nicht mehr länger zum größeren Onkel gehen und ihn als Vermittler einschalten.
Vertrauen wie ein Kind und kein Dienst mehr im Tempel!
Der protestantische Pastor und Freud-Schüler Oskar Pfister hat in den 40er Jahren diese Struktur
des römischen Katholizismus und der Rolle der Priester darin vollkommen richtig analysiert.
Solange es den Vermittlungsdienst von Kirchenbeamten braucht, um Gott zu begegnen,
sind die Menschen ständig entfremdet in ihrem eigenen Inneren, und das Gottesbild ist aufgespalten
zwischen Vertrauen und Angst, zwischen Liebe und Hass, zwischen Freiheit und Unterdrückung.
Immer bleiben die Menschen außengelenkt.

Es gibt zwei Zeichen, die in der katholischen Kirche für den Kleriker reklamiert werden:
der Status des beamteten Opfervollziehers und der Status als Lossprecher von Sünden.

Und man muss dies nur beziehen auf das, was Jesus wollte, und begreift sofort, wie grotesk alles gelaufen ist.
Hauptanliegen Jesu war es, die Menschen einzuladen ohne Vorbedingungen,
seien es Opfer oder sei es moralisches Korrektverhalten.

Es gibt einen Punkt, in dem das Christentum sich spezifisch unterscheidet von jeder anderen Religion,
auch vom Judentum, aus welchem Jesus kam,
oder vom Islam, der sich auf die neutestamentliche Botschaft mittelbar bezieht.
Judentum und Islam sind Gesetzesreligionen und versuchen das menschliche Leben moralisch
durch klare Begriffe zu ordnen.
Der Mann aus Nazareth hat erlebt und gesehen, was wir alle wissen können.
Die Menschen sind viel zu verzweifelt, zerbrochen, liegen am Boden.
Es ist nicht wahr, so hören sie; dass Menschen Böses tun, weil sie böse sind und weil sie Böses wollen.
Das Böse im Menschen hat eine begreifbare Geschichte, und die muss man durchgehen,
die Geschichte der Angst, die Geschichte der Entfremdung, die Geschichte der Verzweiflung,
die Geschichte der Entmündigung, die Geschichte der Quälerei von außen, im Namen Gottes womöglich.

Und dann hat man kein Recht, als Kirchen- oder Staatsbeamter zu kommen
und die Grenzen zu schließen gegen die Verlorenen.

Wie lebt man die Einladung Jesu an die am meisten Zerbrochenen? Diese Heimholung der Heimatlosen?
Das ist die Mahlgemeinschaft mit Jesus als dem von Israel erwarteten Messias.

Sie finden daraus gemacht den Zankapfel zwischen den Konfessionen
und ein Prämiensystem für moralisches und dogmatisches Rechtverhalten.
Denn alle sollen sie glauben, dass kein protestantischer Pastor sonntagsmorgens ein Abendmahl würdig feiert,
sondern nur ein katholischer Priester, gesetzt vom Papst über die katholischen Bischöfe.
Dies trennt die Ökumene.
Was wir haben, ist eine Art von Amtsmagie und eine Objektivierung Gottes zu einem Gegenstand.

Da sollen Gaben sich wandeln.
Aber die Frage Jesu war nicht, wie wandelt sich Brot und wie wandelt sich Wein,
sondern wie wandelt sich das Herz der Menschen.
Wie öffnet sich's so, dass der eine lernt vom anderen, mit dem anderen, für den anderen zu leben?
Auf solche Weise sollten wir verstehen, dass Jesus sich zum Brot und zum Wein machte,
zur Nahrung und zu einer rauschhaften Freude.
Das alles geht aus von seiner Existenz,
daraus lässt sich keine Amtsmagie ableiten, das will gelebt sein,
und die Grenzenlosigkeit der Einladung ist das Probestück darauf.
Dass eine Frau, die geschieden ist und in neuer Ehe lebt, nicht zum Tisch des Herrn gehen kann,
ist skandalös und ungerecht. Und für wie viele gilt es.
Dass man nicht trennen darf zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zum Menschen,
wusste Jesus und lebte Jesus.

Zum Zweiten: Jesus wollte therapeutisch sein.
Das schließt sich vollkommen logisch dem an, wovon wir redeten.
Es geht um die Gabe der Vergebung.

Auch sie ist reklamiert für die Priester im Buß-Sakrament.

Aber in Wahrheit ist sie eine unerhörte Fähigkeit menschlicher Reifung in uns selber.
Das Johannes-Evangelium gibt davon die Kunde.
Wie überreifen sich Wunden, die bis ans Herz griffen?
Immer wenn ich die Bergpredigt auszulegen versuchte im Gottesdienst, kamen Menschen,
die es ernst meinten und sagten, ich kann nicht sieben mal siebzig Mal vergeben.
Ich kann nicht einfach sagen, es ist nicht schlimm gewesen, wenn es schlimm war.
Ich habe so viel Wut in mir. Ich bini so zerbrochen. Und ich komme nicht darüber weg. Das ist völlig wahr.
Als ich Psychoanalyse studierte, wusste ich nicht, wie lang die Wege sein müssen, um vergebungsbereit zu werden.
Wie viel Liebe es benötigt, um alte Verletzungen zu überreifen. Aber dann kann ein Geist wehen, der weit wird.
Und den schenkt Jesus am Abend des ersten Ostertages den Jüngern in einem Saal mit verschlossenen Türen.
Durch die ging er immer, ging er in die Angst der Menschen hinein.
Vergeben kann man nicht in einem Bußgericht, es ist überhaupt nichts von außen zu richten.

Ein Ritual der Beichte, das vergibt, ohne durchzuarbeiten, macht sich psychologisch und menschlich
nicht länger mehr plausibel.
Jeder begreift, dass allein schon die Zweiteilung nach Gut und Böse ihm Unrecht tut.
Alle Dinge haben ihre Bedeutung gehabt und ihren Sinn, als sie geschahen.
Und man muss die ganze Geschichte eines Menschen durchgehen, um zu verstehen, wie er zu dem kam,
als er dies und das tat.
Psychotherapie und Beichtpraxis greifen heute ineinander,
und beide sind nichts weiter als eine gelebte Form der Menschlichkeit.
Um vergeben zu können, müssten wir reifen in uns.
Aber dann müssten wir das Priester-Institut der Vergebung vergessen, intensivieren,
um über die Grenzen und Zäune hinweg
einander die Hände zu reichen.

Dann wünschte ich mir eine Kirche, die offen wäre auch im Engagement des Politischen.
Bischof Jacques Gaillot ist für die »Sans Papiers«, für die Asylsuchenden ohne Papiere, aus reiner Wahl und Sympathie
Bischof dieses Anliegens geworden.
Die Kirche in Deutschland, müssen Sie wissen, mon cher ami Gaillot, ist eine Kirche, in welcher die Bischöfe Staatsbeamte sind.
Sie sind direkte Nachfolger immer noch der Fürst-Erzbischöfe aus der Zeit des 17. Jahrhunderts.
Sie schwören auf die Verfassung, sie können niemals wirklich kritisch sein.
Nicht gegen die absurde Asylpolitik, nicht gegen den Krieg, nicht gegen den Neoliberalismus.
Sie haben kein einziges klares Wort für Menschen, die nicht weiter wissen. Und das sind inzwischen Millionen.
Wie ist es möglich, dass die katholische Kirche nicht wägt zu sagen:
Niemand flieht aus dem Ort, der seine Heimat war, es sei denn, er ist tödlich an Leib und Seele bedroht,
nur dann geht er auf die Suche nach einem Ort, an dem er leben möchte.
Wie kann es sein, dass wir alle Grenzen öffnen für den Transfer von Waren und Kapital
und alle Grenzen schließen für die Folgen dieser Praxis, und die Kirche schweigt dazu?
Wie ist es möglich, dass der Papst George W Bush empfängt und hat kein einzig wirklich klares Wort zu sagen?
Man hätte die Grille beinahe mal gehört. Aber: Jeder Krieg sei ein Verlust der Menschlichkeit,
das hätte er sagen müssen.
Doch dann müsste man aufhören, Macht verwalten zu können und zu wollen.
Dies ist der Kernfehler der Römisch-Katholischen Kirche im Umgang mit den Klerikern.
Sie bindet den Wahrheitsbesitz dogmatisch an ein Amt.
Sie nimmt die Wahrheit Gottes, die in der Person der Menschen liegt, den Individuen weg
und delegiert sie an eine fertige Institution.
Ab sofort ist es gleich, wer Sie als Mensch sind, wenn Sie nur Bischof sind, wenn Sie nur Priester sind,
dann haben Sie die Amtsgnade, können Sünden vergeben, selbst wenn sie noch so nichtig sind.
So kann es nicht sein.
Die Kirche müsste eine Asylstätte sein für alle Verlorenen,
und jeder würde spüren, dass er selbst nur lebt aus einer Vergebung,
die er nicht verdient hat, aber unbedingt benötigt.



ROSIEN: Danke schön, Eugen Drewermann.
Bischof Gaillot: Auch Sie möchte ich fragen: Was machen wir damit, wenn der Glaube heute so stark verdunstet,
wenn die geistliche Orientierungslosigkeit der Menschen in Mitteleuropa so groß geworden ist?
Was machen denn die professionellen Verkünder und Vermittler des Glaubensfalsch?


JACQUES GAILLOT: Ich freue mich, dass ich bei Ihnen bin.
Und ich danke dem Katholikentag, dass man den Mut gehabt hat, Eugen Drewermann und mich einzuladen.
Um auf die Frage zu antworten, schlage ich Ihnen vier Überlegungen vor.

Die erste: Wir sind in eine neue Welt gestolpert. Wir sind in einer Zeit, wo alles in Bewegung ist.
Es gibt keinen geschützten Raum und keine Tabus mehr. Und manchmal haben wir den Eindruck,
dass wir auf einem Boden gehen, der sich uns entzieht.
Und gleichzeitig sind wir Zeugen des Individuums, das in der Gesellschaft auftaucht und sich viel Platz nimmt.
Das Individuum mit seinem Bewusstsein, mit seinen Rechten. Und das Individuum will sich selber definieren.
Und jeder hat das Recht auf die Selbstverwirklichung, auf die persönliche Erfüllung, die Erfüllung in dieser Welt.

Das Zweite: Wenn man diese Veränderung positiv leben will wie eine Chance und wie eine Herausforderung,
dann können wir sehen, dass diese Veränderungen Chancen für die katholische Kirche sind, Provokationen,
die zum Heil führen.
Das heißt nicht, dass es uns an Glauben fehlt, aber dass wir zu wenig beten.
Die Veränderungen der Welt zwingen uns dazu, uns auch zu verändern.
Und darum ist es viel wichtiger, auf das zu achten, was neu entsteht, als auf das, was verschwindet.
Wir leben in einer interessanten Zeit. Es entsteht Neues.
Es geht nicht darum, nur noch das zu verwalten, was besteht, sondern Neues zu schaffen.
Wir leben in einer kreativen Zeit oder, wie Jesus im Evangelium sagt: Neuer Wein gehört in neue Schläuche.

Und drittens: Es besteht eine Notwendig-keit, den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen aufzubauen,
damit es vorwärts geht.
Um zu wachsen und vorwärts zu kommen, brauchen wir die anderen Kirchen und die anderen Religionen.

Mein vierter Punkt: Für die Zukunft der Kirche gibt es nicht nur die europäische Perspektive.
Vielleicht liegt die Zukunft in anderen Kontinenten und nimmt auch ganz andere Formen an.
Und vielleicht können wir die Zukunft nicht nach unserer Kultur bestimmen,
nach unserer Art zu denken und zu organisieren.
Vielleicht liegt die Zukunft der Kirche in ganz anderen Ländern als im alten Europa.
Wir brauchen die Demut, auf die anderen Kirchen, auf die jungen Kirchen in anderen Kontinenten
zu hören und von ihnen zu lernen.



ROSIEN: Wir sollten jetzt auch mal etwas konkret rein in den Priesterberuf gehen.
Da ist für mich die Frage der Weihe.
Das hat ja in der katholischen Kirche fast eine ontologische, eine übernatürliche Qualität.
Meine Frage an meine beiden Gesprächspartner:
Gibt es überhaupt biblische Grundlagen für die Unterscheidung von Priestern und Gläubigen?
Vielleicht zuerst Sie, Herr Bischof.


GAILLOT: Die Fragen werden schwieriger. Auch hier möchte ich mit vier Überlegungen antworten.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns vorgeschlagen, von Priestern immer im Plural zu reden
und niemals vom Priester in der Einzahl. Es gibt nicht den Priester, es gibt viele verschiedene Priester.
Ich habe einen Freund in Paris, der ist Priester und gleichzeitig Psychoanalytiker und Fernsehjournalist.
Und wenn man von Priestern spricht, muss man als Erstes aufhören, von ihnen zu reden,
sondern wir müssen von der Verantwortung aller Christen reden.
Im Mittelpunkt steht das Volk Gottes.

Und zweitens: Man muss nicht die Laien und die Priester gegenüberstellen.
In Frankreich spricht man von Gemeinschaft und von Dienst.
Das ist von früher, diese Gegenüberstellung Priester - Laie.
Die Problematik hat sich völlig verschoben, und es besteht eine Entwicklung an der Basis.
Und die Menschen, die lange kirchenfern gelebt haben, die sind ganz erstaunt, wenn sie die Kirche heute sehen.
Und wenn Sie heute ein Sakrament wünschen, also eine Taufe für Ihr Kind zum Beispiel,
dann finden Sie eine ganze Gruppe von Laien, die sich darum kümmern.
Und es gibt heute neue Dienste, die von verheirateten Männern und Frauen ausgeübt werden,
festgelegte Aufgaben für eine bestimmte Zeit. Das kann man vielleicht auch verlängern,
und das sind Dienste, die mit anderen beruflichen Verantwortlichkeiten völlig problemlos zusammengehen.
In diesem Zusammenhang heißt die Ordination, also die Weihe, einfach, dass ein Mensch
sich ganz speziell und offiziell dem Dienst der Kirche zur Verfügung stellt.
Und der Dienst besteht darin, dass die Gemeinde wächst.

Ein Element dieses Dienstes sind die Sakramente.
Die Sakramente sind Zeichen der Gegenwart, des Entgegenkommens Gottes.
Und es ist völlig selbstverständlich, dass Menschen, die diese Sakramente den anderen geben,
von der Kirche offiziell anerkannt sein müssen.
Die Weihe bedeutet, dass die Kirche die Dienste anerkennt, die der Gemeinschaft geleistet werden:
Die Verkündigung des Evangeliums, die Versammlung um das Herrenmahl, die Feier der Sakramente
und die Verbindung zwischen den verschiedenen Kirchen.
Man kann ohne weiteres die Weihe für Menschen vorsehen ohne große Vorgaben,
was das Geschlecht anbelangt oder den sozialen Status und auf bestimmte Zeit.
Sie würden der Kirche ein menschlicheres Gesicht geben.
Und sie würden zu einem demokratischeren Verhalten beitragen.

Das Dritte: Wir müssen das Heilige, das Geheiligte richtig verstehen.
Seit Jesus wissen wir, dass der Mensch heilig ist,
der Mensch, Mann und Frau, die nach dem Bild Gottes geschaffen sind.
Jesus sagt, was ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.
Die Menschen, vor allem die Schwachen und die Elenden, sind heilig.
Es ist nicht die Funktion, die heilig ist, sondern der Mensch.
Es kommt vor, dass die Leute zu mir sagen, wir respektieren ihr Amt, aber wir mögen den Menschen nicht.
Ich würde es umgekehrt lieber haben.

Das Vierte: Wir sollten die Eucharistie nicht auf den Satz Jesu reduzieren: »Dies ist mein Leib.«
Als Jesus seine Freunde versammelt für ein letztes Mahl, da denkt er an den Exodus, an den Auszug aus Ägypten.
Er feiert Gott, der aus allen Zwängen herausführt und den Weg in das verheißene Land öffnet.
Und Ostern feiern wir die vielen Wege der Befreiung, die Jesus für die Menschen vorgesehen hat.
Und wenn Jesus sagt: »Dies ist mein Leib«, dann heißt das; ich bin ganz bei euch. Mein Leib ist eurer.
Ich bin solidarisch mit der Menschheit, jenseits der Trennung des Todes.
Die exegetische Seite daran? Also, ich bin kein Exeget, und ich kann darauf nicht antworten.
Ein Bischof kann nicht alles wissen.



ROSIEN: Das ist schön gesagt, Herr Bischof.
Aber ich habe den Eindruck in der katholischen Kirche steht doch die Weihe des Priesters
eben noch sehr stark im Zentrum.
Unterscheidet die Weihe einen Priester von einem anderen Christen?
Das möchte ich Sie fragen, Herr Drewermann.
Und gleich dazu:
Können Sie etwas über mögliche biblische Grundlagen einer solchen Unterscheidung sagen?


DREWERMANN: Nach katholischem Dogma kann ein katholischer Priester, der gültig geweiht worden ist,
in alle Ewigkeit Dinge, die niemand kann, wenn er nicht Priester ist,
zum Beispiel gültig die Lossprechung in einer Beichte vollziehen, zum Beispiel die Wandlungsworte gültig sprechen.
All das kann nicht ein protestantischer Pastor morgens um zehn am nächsten Sonntag.
Und wer so nicht exakt glaubt, ist im Grunde nicht exakt katholisch.
Wenn es so steht, ist die Weihe etwas, das einen Menschen herausholt aus dem Verband aller anderen Menschen.
Eben deshalb heißt er Kleriker. Er hat ein Sonderlos bei Gott gezogen. So heißt das wörtlich.
Diese Vorstellung verdankt sich manchen Entwicklungen, die im Neuen Testament, vor allem in den Pastoralbriefen,
zu beobachten sind am Ende des ersten, Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts.
Man müsste diese Entwicklung allerdings eher sich verdeutlichen auf dem Hintergrund
der Ethnologie als der Exegese.
In allen Stammesverbänden hat man die Neigung, bestimmte Funktionen zu sakralisieren,
also in ein Tabu zu stellen, über das nicht nachgedacht werden kann.
Es bildet in sich selber eine Sphäre, die sich von allem Profanen unterscheidet
und die durch den Sonderstatus der Amtsträger dann auch nach außen kenntlich gemacht wird.
Zum Beispiel durch den Zölibat der Priester.
Biblisch in dem Sinne, dass Jesus diese Entwicklung gewollt hätte, ist dies keinesfalls.
Jesus selber war, ich denke aus gutem Grunde, niemals Priester.

Das mag manchen Katholikinnen und Katholiken hier im Saale sehr schwer sein, sich vorzustellen,
wie eine Religion ohne Priester auskommen soll.
Nun denn, das Judentum selbst, aus welchem Jesus kommt, hat lernen müssen nach dem Jahre 70,
ohne Priester zu leben.
Und es hat dadurch an mystischer Energie und an Frömmigkeit sehr gewonnen.
Der Buddhismus hat die gesamte Priesterschaft im Brahmanismus beiseite getan.
Warum zur Ganga gehen, sie ist nur Wasser, sagte der Buddha.
Alles geschieht in euch selber oder überhaupt nicht.
Das ist der Beginn einer mystischen Verinnerlichung jeder Religion.
Ganz sicher wollte Jesus uns auf diesen Weg bringen.

Durch dieses Amtsverständnis haben wir die eigentliche Barriere zur Wiedervereinigung der Christen.
Wir werden mit den Protestanten, mit den Kirchen der Reformation, nicht zurechtkommen,
solange wir an dieser Amtsmagie, wie ich es einmal nenne, festhalten.
Bischof Jacques Gaillot hat völlig Recht nach meiner Meinung, ich denke ganz wie er.
Wir müssen das Priestertum von unten definieren.
Aber das ist ein Modell des Denkens, das die alte Interpretation völlig auf den Kopf stellt, diametral ablöst.
Man hat bisher das Priestertum von oben gedacht.
Da ist Gott im Himmel, dann ist sein Stellvertreter, der Papst, und der setzt Bischöfe ein,
und die bestimmen den Ortspriester, alles von oben nach unten.

In der Systemtheorie lernen wir, dass es überhaupt keine Prozesse gibt, die nicht von unten her beginnen.
Das Leben organisiert sich selber.
Gemeinden brauchen Gemeindeleiter, aber sie müssen natürlich wählbar sein, abwählbar sein.
Was spräche dagegen, dass wir den Papst selber wählen würden?
Nach spätestens fünf Jahren Amtszeit. Rom hat immer die irrige Vorstellung, dass die Menschen ins Chaos gelangen,
wenn man ihnen nicht ein Korsett von Ordnungen verschreibt.



ROSIEN: Nun gibt es ja immer weniger Priester. Das ist in Deutschland nicht anders als in Frankreich.
Ein Priester muss viele einst selbstständig gewesene Gemeinden betreuen;
und die neueste Liturgie-Instruktion aus dem Vatikan hat ja noch einmal verdeutlicht
Gottesdienst und Eucharistie kann eben nur ein Priester halten.
Nun hat eine neue Umfrage in der Schweiz ergeben: Das Kirchenvolk stimmt dort in fast allen Reformfragen
gegen die Position der Bischöfe.
Wie lange wird die Kirche noch an diesen alten Strukturen festhalten können?
Meine Frage zunächst an Bischof Gaillot.


GAILLOT: Es ist wahr, es gibt einen großen Priestermangel.
Ich bedaure, dass in Frankreich sich die Veränderungen in der Kirche immer über die Priester ergeben
und nicht von den Gemeinden aus.
Wenn wir noch so viele Priester wie früher hätten, dann würde sich nichts verändern.
Und natürlich spielt die Entwicklung des Bewusstseins eine große Rolle.

Es gibt diese Schweizer Umfrage, die ist sehr interessant, weil sie die Denkfreiheit der Christen zeigt.
Die Christen denken selber.
Und dieser Bewusstseinswandel ist sicher viel wichtiger als das Zusammenbrechen der Strukturen.
Ich war eingeladen bei einer Versammlung von Christen zum Thema Verantwortung.
Und in der Diskussion stand einer auf und sagte, ja, aber zu diesem Thema hat doch der Papst gesagt, dass ...
Eine Frau ist aufgestanden und hat gesagt: »Ich will gerne hören, was die Verantwortlichen der Kirche zu sagen haben.
Das ist klar, das nehme ich zur Kenntnis. Aber entscheiden tue ich.«
Ich habe zwar nicht geklatscht, aber ich war voller Bewunderung.
Und nach der Versammlung habe ich den Priester gefragt:
»Wer war diese Frau mit der intelligenten Antwort?« »Das ist die Untersuchungsrichterin.«
Christen sind heute gebildet, und sie denken selbst.

Jetzt fragen Sie mich, wie lange soll das noch so weitergehen mit den festgefügten alten Kleriker-Strukturen?
Man hat vielleicht den Eindruck, dass man Zeit verloren hat. Aber das glaube ich nicht,
sondern wir konnten ein neues Bewusstsein entwickeln.
Und es zeigt, dass man die jetzige Situation nicht einfach nur verlängern kann.
Es genügt nicht, dass wir sagen, es fehlen uns Priester, sondern man muss sich fragen,
was für Priester die Kirche heute braucht und was die tun sollen?
Es ist nicht die Frage, dass man Priester hat, sondern was für welche.
Und ich glaube, dass es eine Reifung gibt und dass wir die beide verantworten, die Priester und die Gemeinde.
Wir können die Zukunft nicht voraussagen, aber wir werden einen Weg finden.



ROSIEN: Letzte Frage an meine beiden Gesprächspartner:
Wie sähe denn das Idealbild einer lebendigen Kirche heute aus?
Welche Rolle käme den Laien zu?
Können wir Christen auf ihre unterschiedlichen Charismen hin in Ämter einführen?
Können wir sie dazu im Namen der Kirche ermutigen und einladen?
Vielleicht Herr Drewermann, wenn Sie dazu etwas sagen.


DREWERMANN: Ich glaube mit Bischof Jacques Gaillot,
dass die Krise des Priesternachwuchses eine Chance bedeuten kann.
Die Laien werden mündiger, sie schauen nicht immer wieder auf die viel zu wenigen Priester,
und sie entdecken,
dass die Vorgaben der katholischen Kirche, um Priester zu werden, menschlich strangulativ sind.

Da ist die Forderung des Zölibats.
Hundert Jahre nach Sigmund Freud kann jeder mit Händen greifen, wie der Ödipuskomplex
sich in dieser Form von Kirchenpsychologie etabliert hat und stabilisiert hat.
Wie ist es möglich, dass Männer mit 18 oder spätestens mit 25 Jahren versprechen müssen,
ihr ganzes Leben lang niemals eine Frau zu lieben und in alle Zukunft eine Frau, die sich in ihre Nähe traut,
als Gefahr zur Gelegenheit einer schweren Sünde zu betrachten?
Ist es nicht möglich zu denken, Männer hätten ein Recht zu reifen?
Ist es überhaupt möglich, einen Eid zu leisten auf die Bibel, in welcher steht, Matthäus 5, du sollst nicht schwören?
Kein Mensch kann für den Rest der Zeit sein Leben festlegen.
Ich habe genügend Priester begleitet aus ihrem Amt heraus
in eine neue, menschlich erweiterte Form der Liebesfähigkeit und womöglich der Ehe.
Und ich könnte der katholischen Kirche nur wünschen, dass diese Leute weiter im Dienst wären.
Sie sind reifere Menschen geworden, aber keine Gottesverräter.
Die ganze unsägliche Ehemoral, die Dauerprüderie der katholischen Kirche ist das Signum dieses Zustandes.
Sie reden von der Liebe, wie Gefangene im Kerker von der Freiheit reden.
Sie haben keine Ahnung, wovon sie wirklich sprechen, weil es verhindert ist, davon zu reden.
Und deshalb ist es so schwer, ganz normalen Kontakt zu ganz normalen Menschen zu finden.

Der zweite Punkt: Wir strangulieren das Denken derer, die Priester werden möchten,
durch die unglaubliche Forderung, für wahr zu halten, was das katholische Lehramt als Amt gebietet.
Jeder Theologiedozent rund um den Globus hat in den Ostertagen einen heiligen Eid zu schwören,
das weiterzugeben und nichts anderes, was der Papst und die Glaubenskongregation zu sagen vorgibt.
Er kann wissen als Wissenschaftler, was immer es sei, in der Bibel, in der Kirchengeschichte,
wie fragwürdig und falsch ganze Teile der katholischen Entwicklung sind,
er darf es nicht aussprechen, oder er verliert seinen Lehrstuhl.
Also soll er ihn doch verlieren, was für ein Schaden wäre das?
Aber er müsste dann der katholischen Kirche widersprechen, sie hat nicht Recht von Amts wegen.
Wahrheit lebt in Erkenntnis, in Neugier, in Reifung, in Menschlichkeit,
aber nicht in Doktrinen und verwaltetem Dogmatismus.
Dieser Gehorsamszwang ist 200 Jahre nach der Aufklärung völlig inakzeptabel
und für suchende, einigermaßen wache junge Männer nicht mehr hinzunehmen.
So kann man nicht wirklich die Sache Jesu weitergeben.

Die Kategorie, in der das Neue Testament denkt,
ist nicht wesentlich der Priester, sondern der Prophet.
Eine Synthese.
So von Gott zu reden, dass es dichterisch bis zur Verdichtung der Existenz wird
und therapeutisch gut tut, das ist, was der Mann aus Nazareth wollte.
Wenn Sie das priesterlich nennen möchten, ist das allegorisch vielleicht richtig, aber es ist nicht zu beamten.
Und dies ist die Tragödie des katholischen Priesteramtes.
Der Protestantismus hat dies seit langem begriffen.

Und deshalb ist die Frage: Wie sieht eine Kirche aus, die sich wirklich von unten her aufbaut?
Mein Rezept ist vielleicht nicht für jeden gültig. Aber sehr vereinfacht gesagt, würde es lauten:

Schauen Sie nicht länger auf die Priester, werden Sie selber priesterlich.

Schauen Sie nicht länger auf die Kirche, leben Sie selber kirchlich.
Schauen Sie nicht auf das Christentum als Religionsform, werden Sie innerlich religiös.

Wie das aussieht, kann sehr aufregend sein.
In den neuen Bundesländern mögen 80 Prozent der Leute sich Atheisten nennen,
aber sie engagieren sich gegen den Krieg in Bagdad. Sie engagieren sich für die Asylanten.
Sie engagieren sich für die Strafrechtsreform. Sie tun lauter Dinge, mit denen ich mich oft viel solidarischer fühle
als mit beamteten Priestern in der katholischen Kirche.

In diesem Sinne stellt Jesus im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter nicht einen Juden vor,
sondern jemanden, den man als orthodoxer Jude hassen müsste, weil er nicht in wirklich richtigem Sinne religiös ist,
einen Samaritaner.
Aber er ist ein Mensch, und also findet er Gott.
Das will Jesus in der Geschichte sagen,
überall findet ihr Gott, wo wirkliche Menschen sind.

Da fragte vor einer Weile eine Frau aus dem Osten, wie soll ich denn mein Kind religiös erziehen;
wenn ich selber gar nicht glaube?
Martin Luther konnte einmal sagen, eine Frau, die die Windeln ihres Kindes wäscht, betet.
Ich füge hinzu, ob sie das weiß oder nicht.

Diese Frau erzählte mir, wie sie ihr dreijähriges Kind abends ins Bett bringt.
Sie setzt sich zu ihm, geht den Tag noch mal durch, liest ihm etwas vor und sagt ihm dann,
hab keine Angst, ich bin ja bei dir.
Diese Frau wusste nicht, dass sie genau die Worte spricht, die Gott dem Moses am Sinai sagt:
Du willst wissen, wie ich heiße? Um eine Formel daraus zu machen und eine Religion daraus zu entwickeln?
Du wirst nie wissen, wer ich bin, Moses. E
in Einziges genügt dir.
Es wird in deinem Leben keine Situation geben, wo du mich nicht finden wirst.
Ich werde da sein, als der ich dann sein werde.
Diese Frau, die eben noch sagt, sie glaubt gar nicht, nur um die Angst ihres Kindes in der Nacht zu beruhigen,
redet die Sprache Gottes.
Und sie verspricht etwas, das sie gar nicht versprechen kann. Noch heute Nacht könnte sie selber sterben.
Aber um die Angst eines Kindes von der Stirn zu streicheln, gebraucht sie die Sprache des Gottes am Sinai.
Sie vermittelt Gott mit ihrer Liebe,
mit ihrem nicht zu rechtfertigenden Vertrauen.
Sie baut eine Brücke über die Unendlichkeit zwischen Diesseits und jenseits.
Sie ist priesterlich, ohne es zu wissen.
Ich wüsste nichts Besseres, was man empfehlen sollte.
Hieß es nicht mal, es brauchte die linke Hand nicht zu wissen, was die rechte tut?
Vielleicht sind die Dinge, die menschlich stimmen, ganz nahe bei Gott,
und alles, was wir von Gott zu wissen glauben, trennt und hindert.
Wir brauchen keine Beamten, wir brauchen Menschen.



ROSIEN: Dieselbe Frage an Sie, Herr Bischof.


GAILLOT: Ich persönlich mache mir keine Sorge über die Zukunft der katholischen Kirche.
Lassen wir doch einfach die Vielfalt existieren.
Es gibt eine Fülle von Erfahrungen, von Haltungen und von Handlungsformen.
Wir starten ja nicht bei null, und wir sollten diese Vielfalt nicht auf ein einziges Modell reduzieren.
Die verschiedenen Formen sind ein Reichtum, wenn sie sich gegenseitig anerkennen.
Und die Veränderlichkeit heißt nicht, dass alles auseinander fällt.
Und Quellen erschließen ist besser als Strukturen verwalten.
Lassen wir die Zukunft offen.
Es gibt Platz für die Kreativität und für den Mut.
Wir sollten die Initiativen unterstützen und ermutigen.
Das größte Risiko ist, wenn man keines eingeht.
Wir müssen neue, beweglichere Dienste schaffen, die sich anpassen, provisorische,
entweder spezialisiert oder allgemein, die man immer wieder neu orientieren kann,
dass man sich nicht zu stark auf die Macht verkrampft.
Die Wahl muss offen bleiben, ohne die verschiedenen Lebensformen zu unterscheiden,
die Geschlechter und das Alter,
sondern man muss eine Fülle von Verantwortlichkeiten möglich machen.

Und zum Schluss möchte ich sagen, es ist wichtig, dass wir in der Kirche von denen ausgehen,
die die Gesellschaft wegschmeißt. Dann irrt man sich nicht.
Ich weiß nicht, ob ich die Veränderung in der Kirche noch sehe, die ich gerne hätte.
Das Wichtigste ist, dass die Hoffnung in der Kirche erhalten bleibt und dass das, was heute besteht,
mich zum Dank an Gott animiert.
Und mir gefällt der Augenblick, den ich in der katholischen Kirche lebe.
Die Kirche ist meine Familie, und schließlich sind zweitausend Jahre Christentum nicht viel.
Und ich glaube, wir sind noch am Beginn des Evangeliums. Amen.


DREWERMANN: Ich stimme Bischof Gaillot sehr zu.
Wir stehen im gewissen Sinn erst noch im Schatten der Urkirche.
Die Dimension der Hoffnung, von welcher Jacques Gaillot spricht,
entsteht für mich freilich nicht aus Kirchenstrukturen.
Das muss ich ehrlich zugeben.
Ich gewinne Hoffnung in jedem Gespräch mit Menschen,
einfach wenn ich sehe, das$ viele so verschüttet leben wie eine Wüstenblume nach vielen Jahren Trockenheit.
Aber dann kann es sein unter all dem Staub und dem Sand,
dass wenige Tage in der beginnenden Regenzeit sie öffnen zu einer nie geahnten Schönheit.
Menschen können die Chance, die sie haben,
wenn sie nur einem bisschen Güte begegnen, so unglaublich intensiv ergreifen.
Das lässt mich hoffen auf die Ressourcen in der Seele der Menschen,
und die dürfen wir nicht verschütten, auch nicht im Namen irgendeiner Kirche.
Aus denen heraus muss jede Kirche sich selber regenerieren.

Schauen Sie nicht länger auf die Priester,
werden Sie selber priesterlich.
Schauen Sie nicht länger auf die Kirche,
leben Sie selber kirchlich!










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EUGEN DREWERMANN
ist katholischer Priester. Er hat dieses Amt 25 Jahre lang ausgeübt.
Vor 15 Jahren schrieb er den heute als Klassiker geltenden Report über sich und seine Amtsbrüder «Kleriker».
Das 750-Seiten-Buch ist eine tiefenpsychologische Durcharbeitung des katholischen Priesterstandes.
Es ist heute in 15. Auflage broschiert im Walter-Verlag erhältlich.
Für die Kirchenoberen war das damals viel zu deutlich und zu schmerzhaft.
Vor allem der Vatikan sah sich getroffen. Nach einem schlimmen Stück von Inquisition
wurde Drewermann Anfang der 90er Jahre von seinem Priesteramt suspendiert.
Auch an der Universität Paderborn durfte der habilitierte Theologe und gelernte Psychoanalytiker nicht mehr lehren.
Seither schreibt er aufregende Bücher, hält Vorträge und ist als Psychotherapeut tätig.
Mit seinen über siebzig Buchtiteln dürfte Eugen Drewermann den Absatzzahlen nach
ein mehrfaches Millionen-Publikum ansprechen.

JACQUES GAILLOT
war bis 1995 Bischof der nordfranzösischen Diözese Evreux.
Er hat seine Bischofskollegen damals durch eine sehr unkonventionelle Amtsführung schwer verstört
und sie drängten den Vatikan, ihn aus dem Amt zu entfernen.
Der Papst hat ihm dann eine Diözese überlassen, von der er meinte,
da wird er wohl nicht viel Schaden anrichten können.
Das war die längst verschollene Wüsten-Diözese Partenia in der Sahara.
Dass Bischof Gaillot in den neun Jahren seither aus diesem Namen Partenia ein blühendes Internet-Bistum
(
http://www.partenia.org ) gemacht hat, das haben weder der Papst noch seine Bischofskollegen geahnt.
Gaillot lebt heute zumeist in Paris, er teilt sein Leben besonders mit den illegal in der Stadt hausenden Menschen,
und ab und an schreibt er spannende Bücher dazu.


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